[MSN] Kunst-Krimi hält Kirchengemeinde in Atem. Sammler verlangt 70.000 Euro für wieder aufgetauchte Bronze-Figur.

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Sun Apr 1 10:19:44 CEST 2007


Kunst-Krimi hält Kirchengemeinde in Atem
Sammler verlangt 70.000 Euro für wieder aufgetauchte Bronze-Figur
Von Michael Grau (epd) 

Hildesheim (epd). Ein Kunst-Krimi hält die evangelische
St.-Michaelis-Gemeinde in Hildesheim in Atem: Nach Jahrzehnten ist eine
verschwundene Bronze-Putte wieder aufgetaucht, eine Trägerfigur eines
kostbaren Taufbeckens aus dem Jahr 1608 - einem Engel ähnlich, aber ohne
Flügel. Ein Sammler aus dem Rheinland, der seinen Namen nicht öffentlich
nennen möchte, verlangt 70.000 Euro dafür. Die Gemeinde will jedoch einen
solchen Preis nicht zahlen: "Zumal das Stück nach gefühltem
Rechtsverständnis uns gehört", sagt der Kirchenvorstands-Vorsitzende Jens
Kotlenga.

Die Gemeinde geht davon aus, dass die Putte im Dezember 1975 oder im Januar
1976 aus der heute zum Weltkulturerbe zählenden St.-Michaelis-Kirche
gestohlen wurde. Der damalige Küster Manfred Busch kann sich noch genau an
die Situation erinnern, als der Verlust entdeckt wurde: Sein Sohn sei in der
Kirche versehentlich gegen das Taufbecken gestoßen, das daraufhin gekippt
sei. "Da haben wir gesehen, dass ein Fuß fehlte."

Buschs Erklärung: Zwei Täter müssen die Trägerfigur, eine von vieren, aus
der dunklen Kirche entwendet haben. Einer hob das Becken an, der andere zog
den schweren Fuß heraus. "Einer allein kann das nicht gemacht haben." Die
Gemeinde verständigte die Polizei, die Figur blieb aber unauffindbar.
Schließlich ließ der Kirchenvorstand einen Nachguss anfertigen.

Der Sammler aus der Nähe von Köln bezweifelt diese Version jedoch: "Das
Taufbecken wiegt zwei Tonnen. Da braucht man mindestens einen Kran, um das
hochzuheben." Er hat eine andere Erklärung: Das Becken sei vermutlich bei
der Bombardierung Hildesheims am 22. März 1945 umgestürzt, als auch die
St.-Michaelis-Kirche schwer getroffen wurde. Unbekannte hätten dann in den
Kriegswirren die Bronze-Putte mitgehen lassen.

Er selbst habe die Figur Anfang der 1980er Jahre auf einem Dortmunder
Antik-Markt erworben. Durch aufwendige Recherchen in Köln, Aachen, Wien und
Süddeutschland habe er herausgefunden, dass die Figur aus Hildesheim stamme.
Der genannte Preis entspreche dem üblichen Sammlerwert. Und dass er an der
Sache auch etwas verdienen wolle, sei völlig in Ordnung: "Schließlich habe
ich die Figur für die Kirche wiedergefunden."

Der Kirchenvorstand aber ist misstrauisch, weil die Putte nach fast genau 30
Jahren wieder aufgetaucht sei. Damit hätte sich ein Dieb die Beute
"ersessen", sagt Jens Kotlenga. Er meldete die Sache der Polizei, und die
Staatsanwaltschaft Aachen versuchte daraufhin, die Bronze-Putte zu
beschlagnahmen. Der Sammler pochte jedoch erfolgreich darauf, dass er die
Figur "in gutem Glauben" gekauft habe. Somit gehöre sie nach Ablauf von acht
Jahren ihm.

Der 46-Jährige, im Hauptberuf Bildhauer und Antiquitäten-Händler, zeigt sich
verärgert über die Kirche: "Sie haben mir die Polizei auf den Hals gehetzt
und mir Hehlerei unterstellt." Die Figur müsse unbedingt wieder an ihren
historischen Ort, betont er: "Man kann über alles reden." Für einen guten
Preis würde er die Putte jedoch auch in andere Hände geben. Auch Kotlenga
hätte das Stück eigentlich gern zurück. "Wir sind auch bereit, eine
Verwaltungsgebühr zu zahlen", sagt er, "aber keine 70.000 Euro." 

(epd Niedersachsen-Bremen/b0863/30.03.07)
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