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Fri Aug 10 10:27:58 CEST 2007
vom 10.08.2007
Auf der Spur gestohlener Kunstwerke
Ein halbes Jahr nach ihrem Raub sind am Dienstag drei Picasso-Werke wieder
aufgespürt worden. Weltweit verschwindet jährlich Kunst im Wert von sechs
Milliarden Euro aus Museen und Privatsammlungen. Kunsthistorikerin
Ulli Seegers macht Jagd auf die gestohlenen Schätze.
von Thomas Olivier
Der nächtliche Kunstraub dauerte 54 Sekunden: Einstieg über ein Baugerüst,
die Vitrine mit einem Pflasterstein zertrümmert - weg war der teuerste
Salzstreuer der Welt: Cellinis Saliera aus dem Kunsthistorischen Museum in
Wien. Das 30 Zentimeter hohe Prachtstück aus purem Gold gilt als Mona Lisa
unter den Renaissance-Skulpturen. Schätzwert: 50 Millionen Euro. Der Fall
hält nicht nur FBI, Interpol, Scotland Yard und BKA in Atem, sondern auch
Kunstdetektivin Ulli Seegers in Köln. Umgehend trägt sie den Diebstahl in
das Datenregister ein. Sie warnt die digital vernetzte Kunstszene via
Internet. Alle 40 Mitarbeiter ihrer international operierenden Detektei
haben per Intranet sofort Zugriff auf den Pool. Akribische Recherchen
beginnen: Wir nutzen intime Kontakte bis in den schwarzen Markt hinein.
Seit 1999 leitet die promovierte Kunsthistorikerin den deutschen Stützpunkt
des Art-Loss-Register (ALR) in Köln. Partner des privatwirtschaftlich
geführten Unternehmens sind neben Kunstversicherungen, Galerien- und
Kunsthändlerverbänden 15 Auktionshäuser, darunter Christies und
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Über 600 Picassos sind als gestohlen gemeldet
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Sothebys. Alles, was sich in der weltweit größten Datenbank des auch in
London, Amsterdam, New York, Neu Delhi und Moskau residierenden Unternehmens
findet, gilt als geklaut. 180 000 Werke haben sich in Luft aufgelöst. Der
Wert der erlesenen Artefakte ist nicht zu taxieren: Das sind locker zig
Milliarden. Etwa 1000 geraubte Objekte pro Monat registriert Ulli Seegers
weltweit per Mail und Fax, bis zu 30 Diebstähle täglich. Wir erfassen die
Verluste über 400 Versicherungsgesellschaften, von geschädigten
Privatsammlern und Polizeidienststellen, vom LKA, BKA und vom FBI. Mit
Klischees räumt Ulli Seegers auf: Wir machen keine Polizeiarbeit. Wir
kennen uns in einem hoch spezialisierten Segment aus und arbeiten der
Polizei zu. Zehntausende Pretiosen sind in dunklen Kanälen verschwunden:
Gemälde und Graphiken, Zeichnungen und Ikonen, Friedhofsstatuen, Büsten,
mittelalterliche Bleiglasfenster, aber auch Briefmarken- und Münzsammlungen,
antike Möbel, Uhren und Puppen. Kurz: alles, was kostbar und unersetzlich
erscheint - vom silbernen Barock-Leuchter für 1200 Euro bis hin zur Leonardo
da Vincis 30- Millionen-Euro-schwerer Madonna mit der Spindel. Das
berühmteste Madonnenbild des italienischen Renaissance-Meisters war 2003 auf
dem schottischen Drumlanrig Castle von der Wand gerissen worden und ist bis
heute verschollen. In dem engen Büro im Herzen Kölns stapeln sich die
Vermisstenmeldungen aus Museen, Galerien und Privatsammlungen.
Fax-Ausdrucke, Fotos und Briefe füllen die Ablagen. Fachzeitschriften und
Kunstbände türmen sich auf Schreibtischen und Schränken. Tausende geheimer
Akten lagern in feuersicheren Stahl-Hängeschränken, stets bereit, Ulli
Seegers und ihr vierköpfiges Team bei der Suche mit Daten zu füttern. Viele
Schicksale sind noch ungelöst: Wo darbt seit 18 Jahren Der arme Poet von
Spitzweg? Das Bild war im Wendeherbst aus dem Berliner Schloss
Charlottenburg geraubt worden. Wo landete das Selbstporträt mit Palette
von Edouard Manet? Wohin sind die Rennpferde von Edgar Degas galoppiert?
Auch Renoirs Badende ist nicht mehr zu sehen, und der Matrose von
Picasso ist von Bord gegangen. Überhaupt Picasso: Was glauben Sie, wie
viele Picassos derzeit gesucht werden? Die gebürtige Münsteranerin, 35
Jahre alt, schulterlanges, blondes Haar, gibt am Rechner den Begriff in die
Such-Maske ein. Dutzende Werke des Jahrhundertgenies erscheinen auf dem
Bildschirm: Mehr als 600 Picassos sind heute als gestohlen gemeldet. Eine
gigantische Zahl! Erst im Februar hatte der Raub von bedeutenden
Picasso-Gemälden in Rio de Janeiro und Paris die Kunstwelt erschüttert. Aus
einer Privatwohnung im noblen siebenten Pariser Arrondissement verschwanden
spurlos zwei Gemälde und eine Zeichnung des Genies im Wert von 50 Millionen
Euro. Das Opfer war ausgerechnet Picassos Enkeltochter Diana
Widmaier-Picasso. Am Dienstag stellten französische Ermittler die beiden
Täter, als sie die Gemälde nahe des Pariser Triumphbogens gerade an einen
Interessenten verkaufen wollten. Im Datenpool von Kunstdetektivin Seegers
drängeln sich die Ikonen der Kunstgeschichte: 262 Chagalls, 291 Mirós, etwa
150 Rembrandts und Renoirs, 181 Dürer und 14 Kandinskys. Und ihre Zahl
steigt. Allein in Deutschland verschwinden bis zu sieben Werke täglich, vom
kostbaren Beuys bis zur antiken Taufkanne, vom Leuchterengel bis zum
Silberbesteck von Tante Erika. Unser Tagwerk ist auch die Identifizierung
des silbernen Kaffeekännchens, das 1500 Euro kostet. Auf Kunstbörsen und
Trödelmärkten wird so viel heiße Ware angeboten wie nie zuvor. Alles, was
Berufseinbrecher von ihren Raubzügen so anschleppen, kostbare Perserteppiche
ebenso wie wertvolle Pergamenthandschriften. Seit Öffnung der Ostgrenzen ist
die Bundesrepublik zu einer der Drehscheiben des internationalen
Kunst-Schwarzmarkts aufgestiegen. Ob Waffen- und Menschenhandel oder
Drogenkriminalität - längst ist der Übergang vom Kunstdiebstahl in Bereiche
der Organisierten Kriminalität fließend. Wir haben da häufig
Schnittstellen, bestätigt Seegers. Kunstwerke dienen dem organisierten
Verbrechen als Instrument zur Geldwäsche oder als Zahlungsmittel. Millionen
von Euro lassen sich kaum praktischer transportieren als in Form eines
zusammengerollten Picassos. Für die Diebe beginnen die Schwierigkeiten erst,
wenn der Coup geglückt ist. Die Kunst beim Kunstraub besteht darin, Beute in
Bares zu verwandeln. Bei den meisten Antiquitäten und Gemälden unbekannter
Künstler mag dieses Problem relativ leicht zu lösen sein: Ägyptische Statuen
stehen bei europäischen Sammlern hoch im Kurs, Marienbilder aus deutschen,
polnischen und tschechischen Kirchen werden in Lateinamerika unters Volk
gebracht. Berühmte Werke hingegen gelten als unverkäuflich. Art-Napping
lautet eine pikante Variante, die Kostbarkeiten dennoch zu versilbern.
Erpresser bieten Museen die Bilder gegen Lösegeldzahlungen wieder an. Ein
unmoralisches Angebot und rechtlich ein Ritt auf der Rasierklinge. Aber
lieber zahlt ein Opfer - nicht selten die Versicherung - nur zehn Prozent
des Verkehrswertes, als hundert Prozent verloren zu geben. Art-Napping steht
allerdings noch nicht auf der Tagesordnung: Die Aufklärungsquote bei
Lösegelderpressung liegt sehr hoch.
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Neu ist die Brutalität der Diebesbanden
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Für fünf Millionen Euro kaufte die Londoner Tate Gallery 2002 zwei Gemälde
von William Turner zurück. Deckname der Operation: Kobalt. Die Hamburger
Kunsthalle musste 2006 für die Rückkehr eines Caspar David Friedrichs eine
Aufwandsentschädigung von 250 000 Euro zahlen. Die Nebelschwaden hatten
einen Versicherungswert von knapp zwei Millionen Euro. Die Suche nach einem
geklauten Kunstwerk läuft nach einem festen Schema ab: Kleinanzeigen
abgrasen, dicke Kataloge durchwälzen, Kunstmessen in den Zentren des
Kunsthandels - Paris, London, New York - abklappern. Wir gucken in jede
Koje. Vor Versteigerungen checken Ulli Seegers und ihre Kollegen die
Auktionsverzeichnisse auf Diebesgut, 300 000 Kunstwerke jährlich. Jedes
4500. Auktions-Los führt zur Wiederauffindung gestohlener Kunst. Seegers
kennt die Kniffe und Tricks der Kunsträuber: Erst zwei, drei Jahre nach
einem Raub beginnt für die Detektivin die heiße Phase: Viele Kriminelle
glauben dann, dass Gras über die Sache gewachsen ist. Sie mischen die
Hehlerware mit legalen Objekten und versuchen, sie per Kleinanzeige oder
durch fliegende Händler zu verscherbeln. Nicht selten wird die heiße Ware
auf Auktionen ganz offen an den Mann gebracht. Die Aufklärungsquote bei
Gemälden liegt bei 25, bei Silber bei acht Prozent. Für jedes
wiederbeschaffte Kunstwerk kassiert das ALR eine Provision: Maximal 15
Prozent bis zu einem Gegenwert von 75 000 Euro. Danach wirds immer
billiger. Für einen Hochkaräter wie Cézannes Stillleben Zinnkrug mit
Früchten lag der Honorarsatz bei einem Prozent des taxierten Verkehrswertes
von 60 Millionen Dollar. Auch in Bibliotheken und Archiven spürt Seegers
Verschollenem hinterher. Im Fokus steht derzeit die Beutekunst. 14 000
mesopotamische Schätze aus dem Irak werden vermisst, ebenso unersetzliches
Kulturgut, das nach 1945 aus Deutschland verschwand. Wir bieten den
deutschen Museen die kostenlose Registrierung ihrer Kriegsschäden an.
Allein 60 000 Artefakte fallen unter die Rubrik NS-Raubkunst.
Prachtstücke, die von den Nazis aus überwiegend jüdischen Sammlungen
konfisziert wurden. Erst im Juni waren aus Görings Raubsammlung 14 Gemälde
von Renoir, Monet und anderen berühmten Malern in einem Schweizer
Schließfach aufgetaucht. Ein typisches Täterprofil gibt es nicht. Auch der
smarte Kunsträuber, der van Goghs in Rififi-Manier stiehlt, gehört zum
Hollywood-Mythos von David-Niven-Filmen. Die Profis gehen immer energischer
und pfiffiger vor. Sie schalten Alarmanlagen mit Bauschaum aus, überstülpen
Überwachungskameras mit Kartons. Getarnt als Rollstuhlfahrer, Polizisten und
Galeriekunden lassen sie in Sekundenschnelle Millionenwerte verschwinden.
Neu ist die Brutalität, mit der die Banden vorgehen. Der Überfall auf
Russborough Castle, Irland, 2002 geschieht in paramilitärischer Manier: Mit
Sturmhauben maskierte Männer rammen mit einem Geländewagen das Hauptportal.
Dann räumen sie das Musikzimmer aus. Es ist die vierte Attacke innerhalb von
17 Jahren. 45 Gemälde verschwinden, darunter Werke von Rubens, Vermeer, Goya
und Gainsborough. Den Mund zum Schrei geöffnet, die Augen vor Entsetzen
aufgerissen - es schien, als habe 2004 der Mensch auf Edvard Munchs Bild
Der Schrei geahnt, was ihm an einem Sonntagmorgen passieren würde:
blitzartiger Überfall mit Waffengewalt direkt vor den Augen des
Wachpersonals und der Museumsbesucher, Fluchtwagen vor der Tür - weg waren
das weltbekannte Gemälde und ein weiteres Meisterwerk des norwegischen
Malers. Geradezu als Glücksfee empfindet sich Ulli Seegers, wenn sie
mithelfen kann, eine Kostbarkeit wie die Winterlandschaft (1629) des
flämischen Malers Esaias van de Velde zu lokalisieren. Gelegentlich spielt
sie den Lockvogel. Zuletzt bei der Heimholung zweier Werke von Sigmar Polke.
Die Kunstdetektivin gab sich als passionierte Sammlerin aus und traf sich
mit dem Kriminellen in einem Münchner Café. An den Nachbartischen nippten
acht Zivilfahnder an ihrem Kaffee. Sekunden später klickten die
Handschellen. Fühlt sie sich gefährdet? Wäre ich ein ängstlicher Mensch,
würde ich die Arbeit nicht machen. Übrigens: Cellinis Salzstreuer ist 2006
wieder aufgetaucht - in einem Waldstück mit dem bezeichnenden Namen
Schatzbichl in Niederösterreich. Der Dieb stellte sich. Er war Chef einer
Wiener Alarmanlagen-Firma.
http://www.pnp.de/
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