[MSN] Im so genannten Beutekunst-Streit haben die Polen Recht. Deutschland wirft dem ehemaligen Kriegsgegner Polen vor, deutsche Kulturgüter geraubt zu haben und fordert die Beutekunst zurück. Aber: In Polen gibt es gar keine «Beutekunst».
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23. August 2007, 07:28 Von Gabriele Lesser
Im so genannten «Beutekunst»-Streit haben die Polen Recht
Deutschland wirft dem «ehemaligen Kriegsgegner Polen» vor, deutsche
Kulturgüter geraubt zu haben und fordert die «Beutekunst» zurück. Aber: In
Polen gibt es gar keine «Beutekunst».
In der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek liegen Briefe von Goethe, Schiller
und Luther, Notenblätter von Mozart, Bach und Beethoven, seltene Landkarten
und illustrierte Handschriften aus dem Mittelalter. Auch die deutsche
Nationalhymne von Hoffmann von Fallersleben liegt in Polen. Die
Bibliothekare der Preussischen Staatsbibliothek in Berlin hatten die
wertvollen Bestände aus Angst vor Luftangriffen der Alliierten nach
Niederschlesien in Sicherheit gebracht.
Nicht vorausahnen konnten sie allerdings, dass die Grenzen Polens auf der
Potsdamer Konferenz 1945 nach Westen verschoben würden. Die wertvollen
Kisten der Preussischen Staatsbibliothek befanden sich somit 1945 auf
polnischem Boden. Im allgemeinen Nachkriegschaos gelang es polnischen
Bibliothekaren, den kostbaren Schatz aus Berlin vor Plünderungen und der
Deportation in die Sowjetunion zu retten und sicher nach Krakau zu bringen.
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Von «Beutekunst» in Polen war bislang nie die Rede. Nun aber wirft Tono
Eitel, ehemaliger deutscher Uno-Botschafter in New York und seit fünf Jahren
mit den Kulturgüter-Verhandlungen betraut, den Polen plötzlich vor, den
Deutschen etwas gestohlen zu haben. Im Sammelband «Kulturgüter im Zweiten
Weltkrieg» (Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Magdeburg 2007)
schreibt der 75-Jährige unter dem Titel «Vom Umgang mit Beutekunst»:
«Grundsätzliche Beutekunstprobleme haben wir nur mit zwei ehemaligen
Kriegsgegnern. Russland und Polen. Alle übrigen Staaten, auch von der
Wehrmacht schrecklich verheerte wie die Ukraine, haben sich für eine Politik
der Restitution entschieden.»
Das Problem: Russland und die Ukraine geben tatsächlich Beutekunst zurück,
die von der Roten Armee im besetzten Deutschland 1945 beschlagnahmt wurde.
Polen aber hat niemals Kriegsbeute in Deutschland gemacht. Es gibt also auch
keine «Beutekunst» in Polen, was der ausgebildete Jurist Eitel auch weiss.
Dass er nun dennoch diesen schweren Vorwurf erhebt, hat wohl mit der
niederschmetternden Bilanz der bisherigen Verhandlungen zu tun: In 15 Jahren
hat Deutschland absolut nichts erreicht.
Die Polen kulturell vernichten
Dabei ist die Interessenlage klar: Die Deutschen möchten die wertvolle
Sammlung gerne wieder in Berlin sehen, während die Polen eine Kompensation
für die enormen Kulturverluste anstreben, die sie durch die Nazis im Zweiten
Weltkrieg erleiden mussten. Das aber ist es, wovon Eitel nichts wissen will:
Warschaus Forderung nach Wiedergutmachung der polnischen Kulturverluste.
Zwar sei der Kunstraub und die massenhafte Zerstörung polnischer Kulturgüter
durch die Nazis völkerrechtswidrig gewesen, so Eitel, aber die
Reparationsfrage sei bereits geregelt. Polen stehe keine weitere
Wiedergutmachung für die Nazi-Verbrechen zu.
In Polen sieht man das anders. Auch wenn die «Berlinka», wie die Sammlungen
der Preussischen Staatsbibliothek in Polen genannt werden, nur ausgelagert
wurde, um sie in Sicherheit zu bringen, so befand sie sich doch 1945 auf
polnischem Boden und wurde somit zu polnischem Eigentum. Einen rechtmässigen
Anspruch auf die «Berlinka» haben die Deutschen aus polnischer Sicht nicht.
Dennoch sind Verhandlungen über eine Rückkehr möglich. Solange aber die
Deutschen nicht wahrhaben wollten, dass sie im Zweiten Weltkrieg das
polnische Kulturerbe systematisch vernichtet hätten, werde es keinerlei
Bewegung im Kulturgüterstreit geben. Ohne eine grosszügige Geste der
Deutschen, ohne irgendeine Form der Wiedergutmachung werde die «Berlinka»
niemals nach Deutschland zurückkehren.
Die Glasurne mit den Ascheresten eines verkohlten Buches kennt auch Eitel.
Von der einst berühmten Krasinski-Bibliothek in Warschau ist nur dieses
Aschehäuflein übrig geblieben. Die Urne gilt als Symbol der deutschen
Kulturverachtung gegenüber Polen. Nach dem Warschauer Aufstand 1944
zerstörten die Nazis drei Monate lang Polens Hauptstadt, fackelten die
Nationalbibliothek Polens ab, Hunderte anderer Bibliotheken sowie Archive
mit wertvollen mittelalterlichen und neuzeitlichen Handschriften. Von Polens
Kulturerbe blieb nur ein riesiger Trümmerhaufen übrig. Zuvor hatte bereits
die «Haupttreuhandstelle Ost» im Auftrag von Reichsmarschall Göring Museen
und Schlösser, Gutshäuser und Stadtpalais in Polen ausgeraubt. Ziel der
Nazis war es, die Juden physisch und die Polen kulturell zu vernichten.
Experten schätzen allein die materiellen Kulturverluste Polens im Zweiten
Weltkrieg auf einen Wert von heute rund 20 Milliarden Dollar.
Dass die Deutschen plötzlich von «Beutekunst» in Polen sprechen und der
Pflicht des ehemaligen Kriegsgegners, diese zurückzugeben, sei so, als würde
«ein Einbrecher unser Haus ausrauben, es dann in Brand setzen, bei der
Flucht seinen Mantel verlieren und ihn heute als sein rechtmässiges
Eigentum zurückfordern», schreibt der bekannte Kunsthistoriker Wlodzimierz
Kalicki in der Tageszeitung «Gazeta Wyborcza». «Zurückgeben will uns der
Einbrecher nur das, was er heute noch in seiner Wohnung findet, aber auch
nur unter der Bedingung, dass wir ihm zuerst seinen Mantel aushändigen. Über
unser verbranntes Eigentum will er erst gar nicht reden, da es sich ja
ohnehin in Rauch aufgelöst habe.» Niemals werde sich Polen auf eine Rückgabe
der «Berlinka» ohne Wiedergutmachung der eigenen Kulturverluste einlassen.
Schon vor Jahren hatte Kalicki in seinem Buch «Der letzte Kriegsgefangene
des Grossen Krieges» eine politische, statt einer juristischen Lösung des
Konflikts vorgeschlagen: Deutschland könne beispielsweise eine Stiftung mit
einem grosszügigen Stammkapital ausstatten, von dessen Zinsen Polen dann
weltweit Kunstwerke kaufen könne, wie sie einst von den Nazis zerstört
wurden.
Unverständliche deutsche Arroganz
Tono Eitel aber will davon nichts wissen. Der Diplomat beharrt darauf, dass
Polen die Haager Landkriegsordnung von 1907 verletzt und nach 1945
völkerrechtswidrig deutsches Kulturgut gestohlen hätte. Vor zwei Jahren
brachen Polens Diplomaten entnervt die Verhandlungen ab. Für sie verkörpert
Eitel den Typ des arroganten Deutschen, der die angeblich minderwertige
Kultur der einstigen «slawischen Untermenschen» bis heute verachtet.
Als die «FAZ» vor ein paar Tagen über die gescheiterten Verhandlungen
berichtete und den Polen dafür die Schuld in die Schuhe schob, brach an der
Weichsel ein Sturm der Entrüstung los. Es handle sich um eine gezielte
Provokation der Deutschen. Schon der Titel «Rückgabe von Beutekunst. Die
letzten deutschen Kriegsgefangenen» zeige dies. Die polnische Armee habe
niemals Beute in Deutschland gemacht. Zudem sei die «Berlinka» jedem
Forscher, der nach Krakau komme, jederzeit zugänglich. Aussenministerin Anna
Fotyga gab sogar eine offizielle Erklärung ab: die Deutschen versuchten
einmal mehr, «die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern zu verwischen.»
http://www.tagesanzeiger.ch/
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