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Mon Aug 27 06:49:37 CEST 2007


Kunstkrimi um Cranach-Altar

ddp
ddp - Sonntag, 26. August, 07:16 UhrBamberg/München (ddp-bay). Ein wahrer
Schatz lagert derzeit in der Asservatenkammer des Landeskriminalamtes (LKA)
in München. Dort befinden sich zwei wertvolle Altarflügel des
Renaissance-Malers Lucas Cranach des Älteren. Durch Zufall hatte ein
Antiquitäten-Experte die beiden Tafelbilder vor wenigen Wochen im
Schaufenster eines Bamberger Kunsthandels entdeckt. 27 Jahre nachdem sie zu
DDR-Zeiten im Mai 1980 aus einer Pfarrkirche im sachsen-anhaltischen Klieken
gestohlen worden waren.

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Seit ihrer Beschlagnahmung lagern die Tafeln nun in München, während die
LKA-Sonderermittler des Sachbereichs 623 (Fachbereich Kunst) den Weg der
Kunstwerke bis zum Diebstahl zurückverfolgen, so LKA-Pressesprecherin
Michaela Grob. Voraussichtlich kommende Woche wollen die Ermittler neue
Details aus der bewegten Geschichte der beiden Tafeln präsentieren. So waren
die Altarflügel Jahre nach dem Diebstahl unter anderem als Schranktüren für
eine private Cocktail-Bar verwendet worden. Das erfuhr ddp auf Anfrage vom
Bamberger Kunsthändler Matthias Wenzel, der die beiden Tafelbilder vor ihrer
Beschlagung zuletzt für rund 100 000 Euro zum Verkauf angeboten hatte. Den
Gesamtwert der beiden Tafeln in Kombination mit dem ursprünglichen Altar in
Klieken schätzt das LKA auf rund eine Million Euro.

Gerade mal zwei Wochen, so schätzt der Bamberger Kunsthändler Matthias
Wenzel, hatte er die «zwei Flügel eines Marienaltärchens», so die
Bezeichnung der Verkaufsstücke, im Hauptschaufenster ausgestellt. Ein paar
Anfragen hatte es zu den beiden kunstvoll bemalten Holztafeln aus dem 16.
Jahrhundert zwar schon gegeben, zu einem konkreten Verkaufsgespräch war es
jedoch noch nicht gekommen. Doch das sollte sich ändern. An diesem Montag,
als ein kleinerer, freundlicher Herr das Kunsthandelsgeschäft von Matthias
Wenzel in der Bamberger Altstadt betrat und sich nach den beiden
Altarflügeln erkundigte. «Er hat mir gesagt, dass sich seine Frau sehr für
Antiquitäten und die beiden Tafeln interessieren würde und er daher wissen
wolle, ob man sie kaufen könne.»

Als Matthias Wenzel dies bejaht, verlässt der Mann kurz das Geschäft. Um
wenige Augenblicke später zurückzukehren. Jedoch nicht mit seiner Ehefrau,
sondern in Begleitung eines Kollegen der Kripo Bamberg. Im Auftrag des
Landeskriminalamtes Bayern beschlagnahmen sie die zwei Altarflügel. «Für
mich war das ein echter Schock», sagt Matthias Wenzel.

Erst im November 2006 hatte der 43-jährige Diplom-Kaufmann und
Kunsthistoriker die Tafelbilder gemeinsam mit seinem Kollegen Walter Senger
bei einem Bamberger Auktionshaus für 13 000 Euro gutgläubig ersteigert. Den
Kaufpreis hatten sie sich geteilt, ebenso wie weitere rund 10 000 Euro, die
für die Restaurierung, die Rahmung, Werbung und die Expertise eines
Bamberger Kunsthistorikers anfielen, der sein Gutachten zu den Bildern exakt
zwei Wochen vor der Beschlagnahmung der Tafelbilder durch die Polizei
vorlegte.

In seiner dreiseitigen Expertise war der Kunsthistoriker Markus Hörsch
bereits damals zu dem Ergebnis gekommen, dass die Altarflügel aus der
Werkstatt Lucas Cranach des Älteren in Wittenberg um 1515 stammen müssen.
Wahrscheinlich, so vermutet der Kunsthändler, wurden die Vorzeichnung der
Figuren sowie die Gesichter Marias und des Engels vom Renaissance-Maler
eigenhändig gestaltet. Die weiteren Bestandteile der Tafelbilder dürften
Schüler der Cranach-Werkstatt gemalt haben.

Das Kunstwerk war nach seinem Diebstahl zu DDR-Zeiten zum ersten Mal 1993
bei einer Auktion in Bamberg wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht, wo es
ein Bauingenieur aus Jena als «Dachboden-Fund» eingeliefert hatte, wie
Matthias Wenzel erzählt. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Gemälde noch dem
Maler Hans von Kulmbach beziehungsweise später dem Dürer-Schüler Wolf Traut
um das Jahr 1500 zugeschrieben. Ersteigert wurden die beidseitig bemalten
Altarflügel von einer Malerwitwe, die sie in einen extra angefertigten
Weichholz-Schrank einbauen ließ. «Soweit ich gehört habe, stand der Schrank
im Party-Keller und diente als eine Art Cocktailbar», sagt Matthias Wenzel.

Nach dem Tod der Frau ließ deren Sohn den Partyschrank im November 2006 in
einem weiteren Bamberger Auktionshaus versteigern, wo ihn Matthias Wenzel
erwarb. Wer derzeit Eigentümer der Altarflügel ist, das muss jetzt die
Polizei klären. Da der Bamberger Auktionator nicht öffentlich bestellt und
vereidigt war, so der Fachterminus, gilt Matthias Wenzel nur als Besitzer,
das Eigentum konnte er nicht erwerben.

Ob sich der Diebstahl nach 27 Jahren durch das LKA noch aufklären lässt,
bleibt fraglich. Sicher ist dagegen: Ebenso wie die Pfarrkirche in Klieken
wünscht sich auch Matthias Wenzel, dass die Cranach-Kunstwerke als «echtes
Kulturgut» möglichst rasch wieder an ihren ursprünglichen Bestimmungsort
gelangen. An den Kliekener Altar, wo sie sich bis zu ihrem Diebstahl am 17.
Mai 1980 weit über 450 Jahre lang befunden hatten.

(ddp)

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