[MSN] Kein Bekenntnis zur Vergangenheit. Der deutsche Kunsthandel in der Nazizeit - eine Ausstellung.
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Wed Feb 28 15:08:13 CET 2007
Süddeutsche Zeitung
27. Februar 2007
Kein Bekenntnis zur Vergangenheit
Der deutsche Kunsthandel in der Nazizeit eine Ausstellung
Dass von städtischen Museen in Deutschland nach wie vor keine Bereitschaft
zu erwarten ist, ihrer bereits 1999 eingegangenen Verpflichtung nachzukommen
und nach Raubkunst in den eigenen Sammlungen zu suchen, hat gerade erst
wieder der Deutsche Städtetag dokumentiert. Dort forderte Bildungs-, Kultur-
und Sportdezernent Klaus Hebborn die Mitgliedsstädte auf, doch wenigstens
das kursorische Durchsehen von Inventaren und Objekten nach
offensichtlichen Anhaltspunkten für einen NS-verfolgungsbedingten Entzug
anzugehen. Der Städtetag begründete dieses äußerst dürftige Verfahren damit,
man könne auf diese Weise dokumentieren, dass die Suche nach
NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern, soweit dies im Rahmen der
Möglichkeiten der Städte steht, beendet wurde. Das Wort Schlussstrich
vermied der Dezernent.
Noch weniger Bereitschaft zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zeigen
die deutschen Auktionshäuser. Während ausländische Unternehmen wie Sothebys
und Christies längst eigene Abteilungen für Provenienzforschung unterhalten
auch das Dorotheum in Wien hat einen Bericht über die eigene
NS-Vergangenheit veröffentlicht , drücken sich deutsche Häuser immer noch
um einschlägige Untersuchungen. Wie wichtig genau das aber wäre, zeigt nun
eine Ausstellung im Leo Baeck Institute in Manhattan, die auch nach
Deutschland kommen soll. Organisiert hat sie die Concordia University im
kanadischen Montreal, die zu jenen drei Hochschulen zählt, denen der
deutsche Galerist und jüdische Flüchtling Max Stern nach seinem Tod seinen
Nachlass vermachte. Sterns Schicksal steht deshalb exemplarisch im
Mittelpunkt der Präsentation mit dem Titel Auktion 392. Unter dieser
Nummer lief 1937 jene Auktion, zu der der jüdische Kunsthändler Stern von
der Reichskammer der Bildenden Künste gezwungen worden war. Weil er als Jude
kein Geschäft mehr ausüben durfte, forderten die NS-Behörden den
promovierten Kunsthistoriker im August 1935 auf, seine Galerie innerhalb von
vier Wochen aufzulösen. Stern erreichte zunächst eine Fristverlängerung und
schaffte es in der Zwischenzeit, Teile seines Geschäftsbestandes und seiner
Privatsammlung über Freunde ins Ausland schaffen zu lassen. Den Rest aber,
mehr als 200 Gemälde, versteigerte am 13. November 1937 in der Auktion 392
das Auktionshaus Lempertz in Köln.
Görings Machenschaften
Wie zahlreichen anderen deutschen Unternehmen bescherte die NS-Kunstpolitik
auch Lempertz gute Umsätze, über die das Haus bislang in seinen
Festschriften wenig veröffentlicht hat. Der Geschichtsprofessorin Catherine
MacKenzie sie hat die Ausstellung über Stern und seine Galerie erarbeitet
liegen Erkenntnisse darüber vor, dass Hermann Göring direkt und über den
Kunsthändler Alois Miedl Geschäfte mit dem Kölner Unternehmen machte. Der
Kunsthistoriker Clemens Toussaint, der die Erben des enteigneten
niederländischen Kunsthändlers Jacques Goudstikker berät, bestätigt, dass
Göring auch aus diesem annektierten Bestand Werke über eine Berliner Bank
bei Lempertz einliefern und versteigern ließ. Belegt ist außerdem, dass
Lempertz Werke aus dem Besitz des später in Auschwitz ermordeten
Kunsthändlers Walter Westfeld versteigerte.
Lempertz-Geschäftsführer Henrik Hanstein sieht in der Stern-Ausstellung die
Rolle seines Unternehmens zum Teil unzutreffend dargestellt und verweist auf
die langjährigen Beziehungen zwischen Max Stern und seinem Haus: Herr Stern
dem Hause Lempertz verbunden ist der Aufforderung, seine Restbestände
bei einem Mitglied der Reichskulturkammer versteigern zu lassen, nicht
nachgekommen, sondern hat meinen Großvater darum gebeten. Er erhielt den
Erlös! Der allerdings lag nach Meinung des Stern-Nachlasses deutlich unter
den damals marktüblichen Preisen. Auch nach dem Krieg, so Hanstein weiter,
habe ein guter Kontakt zwischen Stern und Lempertz bestanden: Er hat später
nie darum gebeten, ihm bei der Suche nach den Bildern behilflich zu sein.
Dass die Nachlassverwalter von Stern nun auch Werke aus dem Zwangsverkauf
von den Besitzern zurückfordern, kommentiert Hanstein mit dem Satz: Leider
geht es bei diesem Projekt wohl doch wieder mehr ums Geld als um die
Wiedergutmachung.
Tatsächlich belegen die Restitutionsforderungen des Estate of Max Stern
allerdings auch, dass die Kataloge deutscher Auktionshäuser die Herkunft von
Bildern auch neun Jahre nach der Washingtoner Erklärung noch verschleiern.
Wer ihre Kataloge durchblättert, findet nach wie vor unzählige Bilder, die
frühestens in den 50er Jahren aus dem Nichts auftauchten und keine
Vorkriegsgeschichte haben weil sich niemand die Mühe machte, ihre
Vergangenheit zu untersuchen. In dieser Woche wird die Concordia University
die Rückgabe eines kleinen Altmeistergemäldes von Nicolas Neufchatel an den
Nachlass von Max Stern bekanntgeben. Das 1580 entstandene Portrait des Jan
van Eversdijk war 1937 unter der Nummer 207 im Katalog der
Zwangsversteigerung bei Lempertz enthalten. Anschließend kehrte es noch
zweimal in das Kölner Auktionshaus zurück: 1977 und 1996 wechselte die
Holztafel bei Lempertz erneut den Besitzer. Beide Male verschwieg der
jeweilige Katalog die Zwangsauktion von 1937, die doch im gleichen Haus
stattgefunden hat.
STEFAN KOLDEHOFF
www.sueddeutsche.de
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