[MSN] In den Archiven lauern viele Gefahren.
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Fri Jun 15 08:09:41 CEST 2007
In den Archiven lauern viele Gefahren
Dr. Anna Haberditzl referierte über Konservierung und Restaurierung von
Kulturgütern
Bronnbach. Papier zerfällt, der Holzwurm nagt, Tinte verblasst, digitale
Aufzeichnungen sind schon nach wenigen Jahrzehnten nicht mehr les- und damit
nutzbar. Droht "Alzheimer im Archiv?" Gibt es "Gefahren für das Gedächtnis
der Region"? Plakative Fragen, die Dr. Anna Haberditzl vom Ludwigsburger
Institut für Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut am Mittwochabend zur
Eröffnung der Ausstellung "Heute gerettet - gesichert für die Zukunft.
Konservierung und Restaurierung von Kulturgut im Landesarchiv
Baden-Württemberg" stellte.
Trotz des eher sperrigen Titels sollte sich niemand vom Besuch der
Präsentation im Vortragssaal des Staatsarchivs Wertheim in Kloster Bronnbach
abhalten lassen. Hinter einem vermeintlich trockenen Thema verbergen sich
interessante Geschichten. Spannend, sehr anschaulich, vor allem aber auch
nicht nur für ein Fachpublikum verständlich, waren die Ausführungen von Dr.
Haberditzl. Unumwunden räumte sie ein, der Titel ihres Vortrages solle
"Unruhe stiften" und darüber "Interesse und Verständnis wecken" für die
Arbeit der Restauratoren.
Man stelle sich die Archive, auch als "kollektive Gedächtnisse" bezeichnet,
immer als besonders sichere Orte vor. Aber auch Papier und Pergament sei
schadensanfällig, könnten gegebenenfalls nicht mehr verwendet, insbesondere
wenn die Unterlagen nicht sachgerecht aufbewahrt würden. Feuer und Wasser
bezeichnete die Referentin daneben als die größten Feinde wertvoller alter
Exponate. Sie verwies auf den Brand in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek
in Weimar im September 2004, wobei zigtausende Kostbarkeiten verloren gingen
oder schwer beschädigt wurden. Die Kosten für die Wiederbeschaffung oder die
Restaurierung, soweit dies jeweils überhaupt möglich sei, bezifferte sie auf
67 Millionen Euro.
Feuchtigkeit und Wärme förderten den Schimmelpilz, der zerstöre die Substanz
der Archivalie, Blätter würden mürbe und brüchig. Holzwurm und Mäuse liebten
Staub und stickige Atmosphäre, so Haberditzl weiter in einem wahren
"Horrorszenario". Deshalb seien Sauberkeit und frische Luft bei der
Aufbewahrung so wichtig. Als "besonders heimtückisch" bezeichnete sie den
Tintenfraß, zerstöre dieser doch Schrift und Papier möglicherweise nahezu
unbemerkt von innen.
Die Referentin warnte aber auch eindringlich davor, Reparaturversuche
mittels Selbstklebefolien und -bändern zu unternehmen und bedauerte, dass
"in der Plastikeuphorie" vergangener Jahrzehnte viele Unterlagen fest in
Folie eingeschweißt worden seien. Für einen dauerhaften Erhalt sei dies kaum
geeignet.
"Der größte Schädling für die Archivalien sind die Archivare selbst", kam
die Vortragende schmunzelnd auf ein großes Dilemma zu sprechen. Einerseits
sollten alte Unterlagen durchaus genutzt werden, andererseits schade dies
gerade den Materialien bei unsachgemäßer Handhabung. "Jeder Nutzer hat die
Verantwortung, dass auch nachfolgende Generationen noch auf das Wissen der
Vergangenheit zugreifen können."
Mit Erstaunen mag mancher im Publikum zur Kenntnis genommen haben, dass
gerade Unterlagen jüngeren Datums von einem früheren Verfall bedroht sind.
Haberditzl nannte das Stichwort "endogener Papierzerfall". Die Herstellung
von Papier zwischen etwa 1850 bis 1970 trage, auch durch die verwendeten
Materialien, "den Keim der Zerstörung bereits in sich. Nichts da mit einer
Haltbarkeit von etwa 150 Jahren. Es ist viel schlimmer".
Die Referentin nutzte die Gelegenheit, in einem weiteren Teil ihres
Vortrags, der mit Bildern anschaulich illustriert war, auf das
Landesrestaurierungsprogramm in Baden-Württemberg und auf die Tätigkeit des
Instituts einzugehen, wo etwa 30 Mitarbeiter mit Restaurierung und Sanierung
beschäftigt sind. Sie schilderte kurz auch einige Methoden der Reparatur,
ging auf die Mikroverfilmung als ein sicherer Langzeitspeicher ein und
nannte es eine besondere Herausforderung, sich der Sicherung digitalisierter
Informationen der heutigen Zeit zu widmen. ek
© Fränkische Nachrichten - 15.06.2007
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