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Tue Nov 20 20:35:39 CET 2007
Barbaren sind immer die anderen: Napoleons Kunsteroberungen und die deutsche
19. November 2007 Sechs Jahrzehnte sind genug, könnte man meinen, um über
die Scheußlichkeit mancher Ereignisse Gras wachsen zu lassen. In Sachen
Beutekunst offensichtlich nicht. Hier scheinen die Wunden nicht heilen zu
wollen, sie eitern. Die in Deutschland seit fünfzehn Jahren auf die
russische Beutekunst des Zweiten Weltkriegs grell leuchtenden Scheinwerfer
der Öffentlichkeit oder das jüngste Gefecht um die Rückführung von
Bücherbeständen aus Polen zeugen davon: Kriegsbedingt abhandengekommene
Kulturgüter lösen kollektive Emotionen aus, die sich mit der Zeit kaum
besänftigen lassen. Im Gegenteil. Statt Linderung scheint die historische
Distanz Verhärtung zu bringen, statt Annäherung Verbissenheit und
Misstrauen.
Es ist kein Zufall, wenn im vergangenen Frühjahr eine vielbeachtete
Potsdamer Konferenz zu Raubkunst und Restitution eine müde Frage als Titel
trug: Eine Debatte ohne Ende? Denn bei allen fachlichen und strategischen
Verschiedenheiten haben die Beutekunstexperten wohl eins gemeinsam: das
Bewusstsein um die bittere Mühe des Aufarbeitens. Wer sich heute mit
Kunstraubfragen beschäftigt, ahnt in der Regel schon, dass er dies in zehn,
zwanzig Jahren immer noch tun wird. Die Beutekunst der Vergangenheit nicht
nur die des Zweiten Weltkriegs ist die große kulturpolitische
Herausforderung der Zukunft. Umso verwunderlicher ist es, dass es dem Thema
nach wie vor an historischer Tiefe fehlt. Nun bringen neue
Veröffentlichungen auch hier neue Erkenntnisse. Mit der elektronischen
Herausgabe von Ernst Steinmanns bisher unveröffentlichtem Manuskript Der
Kunstraub Napoleons aus dem Jahre 1916 bringen Yvonne Dohna und Christoph
Roolf neues Licht in eine europäische Konfliktgeschichte.
Frieden mit Bilder-Restitution
Dass der Zweite Weltkrieg die Kunstgeographie in Europa dauerhaft
veränderte, ist bekannt. Und auch dass Napoleon Tausende von Kunstwerken und
Büchern nach Paris verschleppen ließ, sitzt im allgemeinen Gedächtnis fest.
Dass aber der Erste Weltkrieg auch ein Krieg um Kunst und Kulturgüter
gewesen ist, wissen nach wie vor nur wenige Eingeweihte (Christina Kott,
Préserver lart de lennemi? Le patrimoine artistique en France et en
Belgique occupées, 19141918, Brüssel 2006). Dabei hätte ein siegreiches
Kriegsende zugunsten Deutschlands möglicherweise eine bedeutende
Verschiebung des öffentlichen Kunstbesitzes in Europa in Gang gesetzt.
Hauptkriegsziel war die sogenannte Rückforderung der vor und unter Napoleon
aus Deutschland geraubten und nicht vollständig zurückgelangten Kulturgüter
in künftigen Friedensverträgen mit Frankreich, Belgien und Russland.
Als Mittel zum Zweck empfahlen mit deutschen Museumsdirektoren,
Bibliothekaren und Archivleitern besetzte Kommissionen die umfangreiche
Beschlagnahme von Gemälden, Handschriften und Büchern in den besetzten
Gebieten und ihren Abtransport ins Reich. Spiritus Rector des streng
geheimen Projekts war der Generaldirektor der Berliner Museen, Wilhelm von
Bode. Die beschlagnahmten Werke sollten bei künftigen Friedensverhandlungen
den deutschen Forderungen als Faustpfänder dienen, ein kühner Plan, der
ganz offensichtlich gegen die Haager Landkriegsordnung von 1907 verstieß.
Die preußische Verwaltung im Auswärtigen Amt stellte sich dementsprechend
quer. Dennoch verschwamm die Grenze zwischen Kunstschutz und Kunstraub
in den besetzten Gebieten.
Und es kam tatsächlich, zumindest in Nordfrankreich, zu Räumungen von Museen
und Bibliotheken. 1918 machte die Niederlage die deutschen Pläne allerdings
zunichte. Und es war schließlich Deutschland, das im Jahr 1920 laut Artikel
247 des Versailler Vertrags Wiegendrucke, Handschriften, seltene Bücher und
Karten als Kompensation für die Zerstörungen in Belgien abliefern musste.
Zwei Flügel des Genter Altars von van Eyck und des Löwener Altars von Dirk
Bouts, beide legale Anschaffungen aus der ersten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts, mussten die Museen in Berlin und München verlassen, um
Belgien die Wiederherstellung zweier großer Kunstwerke zu ermöglichen.
Forschungen in Pariser Archiven
Vor diesem demütigenden Hintergrund verwundert es kaum, dass knappe zwanzig
Jahre später die Frage nach der Napoleonischen Beute wieder auf dem Plan
stand. Die Beutelust des Zweiten Weltkriegs, daran erinnert Christoph Roolf
in seinem Essay zu Steinmanns Forschungen, ist eben kein originäres
nationalsozialistisches Phänomen. Als im Herbst 1940 die Benelux-Staaten und
Frankreich erneut von Deutschland besetzt wurden, ließ man die während des
Ersten Weltkrieges entstandenen Fahndungsunterlagen aus den Kellern holen,
man forschte in Pariser Archiven und Bibliotheken nach. Auch die
Kunstraub-Papiere von Ernst Steinmann, dem sechs Jahre zuvor verstorbenen
Gründungsdirektor der Bibliotheca Hertziana in Rom, ließ sich im Oktober
1940 der Kunsthistoriker Niels von Holst als engster Mitarbeiter des
Reichskommissars für die Sicherung des Museumsguts in den besetzten
Westgebieten vorlegen. Die Kunstsachverständigen Hitlers beabsichtigten
sogar, wie Roolf herausfinden konnte, ihre faschistischen Bündnispartner in
Italien für diese kostbaren Materialien zu interessieren: Tausende
handschriftliche Notizzettel, Zeitungsartikel, Literaturangaben, Exzerpte,
Listen, Fotografien sowie das vierhundertseitige Manuskript zu jenem
Kunstraub-Buch, das Steinmann niemals publizierte und das nunmehr vorliegt.
Das Ganze füllte damals einen großen Schreibtisch und wird heute noch im
Archiv der Hertziana aufbewahrt.
So außergewöhnlich reich dieser Informationsberg auch sein mag, das
Interessanteste an ihm ist, dass er so besonders nicht ist. Auch in der
Berliner Staatsbibliothek etwa, in München wahrscheinlich und andernorts
womöglich auch, liegen ähnlich gefüllte Nachlässe von deutschen
Wissenschaftlern, die wie Steinmann in den Jahren 1915/16 zum Napoleonischen
Kunstraub ermittelten. Ihre akribischen, in der imposanten Tradition
ausgezeichneter Gelehrsamkeit geführten Recherchen verfolgten ein doppeltes
Ziel. Einerseits sollten unter strenger Geheimhaltung genaue Verlustlisten
und historisch abgewogene Stellungnahmen als Grundlage für Rückforderungen
dienen. Andererseits entwarfen die Fahnder im Auftrag des preußischen
Kultusministeriums oder der sogenannten Zentralstelle für Auslandsdienst,
eines Amts für Kriegspropaganda mit Sitz in Berlin, zahlreiche Vorträge und
populärwissenschaftliche Aufsätze zum Napoleonischen Kunstraub. Eine
Artikelfolge erschien ab 1916 in der dem Kulturministerium nahestehenden
Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. Die
Materialsammlungen, die in diesen Zusammenhängen entstanden, geben heute
Aufschluss über die Art und Weise, wie zwischen wissenschaftlichem
Aufarbeitungsbedarf und politischen Absichten eine Elite hervorragender
Wissenschaftler, Museumsleute und Bibliothekare mit einem großen Trauma der
Vergangenheit umgingen: Beutekunst.
Nährboden für Legenden
Eine methodische Herausforderung lag für diese Wissenschaftler, das macht
die Publikation von Dohna und Roolf deutlich, in der Beschaffung von
Informationen. Bei einer denkbar asymmetrischen Interessenlage die Opfer
wollten wissen, die Täter hüteten die Informationen seit einem Jahrhundert
ging es zunächst darum, außerhalb von Frankreich gedruckte und
ungedruckte, weit zerstreute Quellen ausfindig zu machen und auszuwerten.
Der Kunsthistoriker Steinmann bereiste wochenlang die Bibliotheken und
Archive in München, Berlin, Schwerin, Hamburg, Kassel, Braunschweig und
Wolfenbüttel, im Rheinland. Die Fülle eines in Deutschland noch nie im
Zusammenhange bearbeiteten Materials ist erdrückend groß, schrieb er im
Frühjahr 1916. Erdrückend groß, aber nicht ausreichend für die Herstellung
stichhaltiger Verlustkataloge. Das bedauerte jedenfalls der Bibliothekar
Hermann Degering, der zur gleichen Zeit in der Berliner Staatsbibliothek
Ermittlungen zum französischen Bücherraub um 1800 führte: Wären uns die in
Paris darüber vorhandenen Akten zugänglich, so würden wir bis in
Einzelheiten hinein klarer sehen als heute, wo wir infolge der
Lückenhaftigkeit der urkundlichen Grundlage für große Gebiete nur auf
Analogieschlüsse und Vermutungen angewiesen sind.
Genau solche quälenden Unsicherheiten sind es, die noch heute dafür sorgen,
dass die Beutekunst ein Nährboden für Legenden ist. Nun war die
Zusammenstellung eines deutschen Verlustkatalogs nicht das Einzige, was um
1915 auf dem Spiel stand. Es ging auch um jene große, fundamentale Frage,
die die Geister in ganz Europa bewegte um den vermeintlichen Kampf der
Zivilisation gegen die Barbarei. Im August 1914 hatte kein Geringerer als
der Philosoph Henri Bergson geäußert, der Krieg gegen Deutschland sei der
Krieg der Zivilisation gegen die Barbarei schlechtin. Im Wechselspiel der
Schuld- und Identitätszuweisungen geriet deutscherseits der Napoleonische
Kunstraub zum historischen Paradebeispiel wiederum für die Kulturlosigkeit
der Franzosen. Über die französischen Beschlagnahmungskampagnen von 1794
schreibt Steinmann: .Es ist nicht auszudrücken, wie Unwissenheit und
Barbarei in Belgien gegen die Meisterwerke der Malerei gewütet haben . . .
Als bestimmt wurde, die Meisterwerke Belgiens nach Paris zu schaffen, wurde
Befehl gegeben, die Bilder abzunehmen und einzupacken. Was taten die
Barbaren, die diesen Auftrag auszuführen hatten? Sie lehnten eine Leiter an
das Bild uns schnitten es mit ihren Säbeln und Messern in Streifen . . .
Mehrere Gemälde von Rubens sind so behandelt worden.
Als Fritz Milkau, damals Direktor der Universitätsbibliothek in Breslau,
1917 von den Rücknahmeplänen seiner Kollegen erfuhr, schrieb er an den
Generaldirektor der Berliner Staatsbibliothek diese nüchternen Worte: Ich
komme nicht über die Überlegung hinweg, dass nach dem Krieg auch wieder
Frieden kommt, und dass die Wiederherstellung des internationalen Verkehrs
von Bibliothek zu Bibliothek wichtiger ist als eine, im ganzen betrachtet,
doch unwesentliche Verschiebung des Handschriftenbesitzes. Internationale
Kooperation stand gegen Besitzansprüche: Die Sorgen unserer Vorfahren sind
auch unsere. Bénédicte Savoy
Text: F.A.Z.
http://www.faz.net/
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