[MSN] Allein gegen Österreich. Der Film "Stealing Klimt" erzählt die Schicksale hinter einer Restitution.
Museum Security Network Mailing list
msn-list at te.verweg.com
Thu Sep 6 11:55:37 CEST 2007
Allein gegen Österreich
Der Film "Stealing Klimt" erzählt die Schicksale hinter einer Restitution
Sebastian Preuss
Sie sei keine Kämpferin, sagt Maria Altmann zu Beginn des Films. Sie habe
sich eine gütliche Einigung mit Österreich gewünscht. Aber sie lässt auch
keinen Zweifel an ihrem Standpunkt, da bleibt sie hart. "Die Bilder wurden
uns gestohlen." Der Fall Altmann hat die internationale Museumsszene
erschüttert und Kunstfreunde in aller Welt bewegt: Eine greise Dame aus
Kalifornien, 1916 in Wien geboren, kämpfte acht Jahre lang um ihr Recht und
nahm es mit einem ganzen Staat auf.
Am Ende gewann Maria Altmann spektakulär gegen Österreich. Im Januar 2006
gab ein Schiedsgericht ihrer Forderung recht, und die Nationalgalerie im
Wiener Belvedere musste fünf Gemälde Gustav Klimts restituieren. Der Verlust
traf das Land ins Mark, denn die rechtmäßige Besitzerin erhielt auch das
weltberühmte Porträt "Adele Bloch-Bauer I" zurück.
Die britische Regisseurin Jane Chablani und der Drehbuchautor Martin Smith
haben aus dem Fall einen spannenden, bewegenden Dokumentarfilm gemacht.
"Stealing Klimt" (Klimt stehlen) erzählt die Geschichte der Menschen hinter
all den Rechtsgutachten und Prozessakten. Und wenn man sieht, wie sich die
österreichische Kulturministerin Elisabeth Gehrer nach dem für sie
verheerenden Schiedsspruch dahinter verschanzt, dass es eben neue
juristische Sachverhalte gebe, die man akzeptieren müsse, dann wird klar,
dass sie immer noch nicht verstanden hat, um was es hier eigentlich geht.
Die (mittlerweile abgelöste) Ministerin sollte sich den Film anschauen, denn
darin lehrt uns eine bezaubernde alte Dame, dass sich hinter jeder
Kunstrestitution das reale Schicksal ganzer Familien verbirgt, die
entrechtet und ausgeraubt wurden. In wunderbar moduliertem
Emigranten-Englisch erzählt Maria Altmann, geborene Bloch-Bauer, von ihrer
Jugend in Wien. Obgleich zu einer der reichsten Familien des Landes gehörig,
wurde sie bescheiden erzogen und trug in der Schule stets die hässlichsten
Kleider. Jeden Freitag veranstalteten die Eltern Hausmusik. Der ganze Stolz
ihres Vaters war ein Stradivari-Cello, das ihm die Rothschilds auf
Lebenszeit ausgeliehen hatten.
An ihre Tante Adele kann sich Altmann sehr gut erinnern: eine moderne Frau,
die Künstler und Intellektuelle um sich scharte. Klimt stellte sie in seinem
Porträt von 1907 als ätherische Sphinx dar, die mysteriös dem goldenen
Hintergrund entwächst. Als Adele Bloch-Bauer 1925 starb, vererbte sie die
Klimts ihrem Mann Ferdinand, mit der Bitte, sie später der Galerie im
Belvedere zu übereignen.
Doch dann annektierte Hitler 1938 Österreich, und der Film erinnert in aller
Ausführlichkeit an die Konsequenzen für die Juden in Wien. Auch die
Bloch-Bauers verloren alles. Die 21-jährige Maria gab in panischer Angst um
ihren frisch angetrauten Mann Fritz Altmann ihren Schmuck heraus, darunter
das Diamant-Collier, das ihre Tante auf dem Porträt trägt. Ihr
Hochzeitsgeschenk sollte bald den Hals von Emmy Göring zieren, während der
Holocaust-Organisator Heydrich nach dem Einmarsch in Prag Bloch-Bauers
Schloss konfiszierte.
Nach der Internierung Fritz Altmanns in Dachau floh das junge Paar bei Nacht
und Nebel und baute sich in den USA ein neues, sehr bescheidenen Leben auf.
Der kinderlose Ferdinand Bloch-Bauer starb 1945 in der Schweiz. Zuvor hatte
er noch sein Testament zu Gunsten seiner Neffen und Nichten geändert. Die
Museen des Landes, das ihm alles geraubt hatte, sollten nichts mehr
erhalten.
Als die Erben die Rückgabe der Sammlung beantragten, wurden sie von der
Republik Österreich, die sich unter Duldung der Alliierten zum Opfer des
Nationalsozialismus stilisierte, so schäbig behandelt wie zahllose andere
jüdische Familien. Man zwang sie, auf die Klimts im Belvedere zu verzichten,
um andere Werke zurückzuerhalten. Sie habe eben das Geld für ihre vier
Kinder gebraucht, erzählt Maria Altmann.
Erst 1998 änderte sich alles, als der Wiener Journalist Hubertus Czernin auf
den Fall Bloch-Bauer stieß. Er fand heraus, dass Adeles letzter Wille von
1923 kein Testament, sondern eine Bitte an ihren Mann ohne rechtsbindende
Wirkung war. Czernin enthüllte auch, wie Museum und Behörden den wahren
Tatbestand nach dem Krieg für sich umdeuteten. Jetzt konnte Maria Altmann
die Restitution beantragen. Als ihr jegliches Entgegenkommen verweigert
wurde, nahm sie mit dem jungen Anwalt Randol Schönberg den Kampf gegen
Österreich auf.
Altmann und Schönberg gingen bis vor den Supreme Court, der ihnen gegen alle
Prognosen zubilligte, einen ganzen Staat vor einem amerikanischen Gericht
anklagen zu dürfen. Jetzt erst knickte Österreich ein. Der Rest ist bekannt:
Der Kosmetikmagnat Ronald Lauder kaufte das Goldporträt für sein
Privatmuseum in Manhattan, die übrigen vier Bilder wurden im November 2006
zu Höchstpreisen versteigert.
Stealing Klimt GB 2006. Dokumentarfilm. Regie: Jane Chablani. 88 Minuten.
Berliner Zeitung, 06.09.2007
More information about the MSN-list
mailing list