[MSN] Book review. Weimars Schatzkammer
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Thu Sep 20 10:31:48 CEST 2007
Weimars Schatzkammer
Vier Wochen vor der feierlichen Wiedereröffnung des in weiten Teilen vom
Feuer zerstörten historischen Gebäudes der Weimarer
Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek präsentiert Annette Seemann heute Abend ihr
Buch zur 300-jährigen Geschichte der auf 900 000 Bücher, Zeitschriften und
andere Medien angewachsenen einstigen fürstlichen Sammlung.
WEIMAR. Zwei Jahrhunderte nach ihrem Tod gedenkt man an der Ilm in dem
langsam ausklingenden Jahr 2007 jener Frau auf vielfältige Weise, ohne
welche die klassische Aura der Stadt nicht zu denken ist: Herzogin Anna
Amalia. Mit der Ausstellung "Ereignis Weimar" im Schlossmuseum ist noch bis
Anfang November Gelegenheit, sich der seinerzeit vom Hof
Braunschweig-Wolfenbüttel nach Thüringen gekommenen Initiatorin des Weimarer
Musenhofes anschaulich zu nähern. Ein anderes Angebot unterbreitete im
Frühjahr der Insel-Verlag mit der von Annette Seemann verfassten Biografie
"Anna Amalia".
Geschrieben von derselben Autorin liegt jetzt als Band 1293 der
Insel-Bücherei "Die Geschichte der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek" vor.
Wenn es gelegentlich heißt, dass manches Sachbuch mit Titeln des Genres
Kriminalliteratur an Spannung gleichziehe oder diese sogar übertreffe, dann
darf dieses kaum mehr als 100 Seiten umfassende Bändchen als ein neuerlicher
Beleg dafür angesehen werden. Nicht, was gut vorstellbar gewesen wäre, dass
sich dessen Autorin zur sensationsträchtigen Schilderung der von einem
"maroden Elektrokabel" ausgelösten Brandnacht und sofort einsetzender
Bücherrettung hinreißen lassen hat. Diese Katastrophe, welche die Bibliothek
über Nacht weltberühmt machen sollte, stellt sie in aller Sachlichkeit und -
der Historie von drei Jahrhunderten angemessen - auf gerade mal einer
Handvoll Seiten dar.
Das Spannende liegt im Gegenstand des Buches selbst, der Geschichte der
Büchersammlung und ihrer jeweiligen Häuser. Das Verdienst von Annette
Seemann ist es, aus der riesigen Fülle des Materials klug ausgewählt und
selbiges geschickt verarbeitet und komponiert zu haben. So kommt einem beim
Lesen alles andere vor Augen als eine verstaubte Büchersammlung,
untergebracht in einem vormaligen Schlösschen, dem Baupflege im
erforderlichen Maß erst mit der jüngsten Sanierung angedieh.
Stattdessen drängt sich von Seite zu Seite stärker der Gedanke auf, die auch
dem engagierten Freundeskreis der Bibliothek vorstehende Autorin wollte wie
nebenher ein Manifest in Umlauf bringen, das der von finanziellen Nöten
geplagten deutschen Bibliothekslandschaft mehr politische Aufmerksamkeit
verschafft als gegenwärtig der Fall. Die über die Jahrhunderte von
Höhenflügen und Schicksalsschlägen geprägte, mit großen Geistern wie
desinteressierten Besitzern oder Verwaltern verwobene, zur wichtigsten
Sammlung der deutschen Literatur zwischen 1750 und 1850 aufgestiegene
Weimarer Bibliothek und ihre wechselnden Domizile liefern dafür hinreichend
Stoff. Mitte des 17. Jahrhunderts umfasste die in einem Raum des Weimarer
Residenzschlosses untergebrachte Privatbibliothek von Herzog Wilhelm IV.
etwa 1200 Bücher sowie Landkarten und Kupferstiche. Doch schon nach des
Herzogs Tod fiel dieser Bestand auseinander. Von den vier Söhnen war es nur
Wilhelm Ernst (1662-1728), der den Wert von Büchern, von Bildung und Kultur
wohl zu nutzen und zu mehren wusste. Er gilt als Begründer der Weimarer
Bibliothek und als erster Herrscher, der eine solche Einrichtung der
Öffentlichkeit, wenngleich noch eingeschränkt, zugänglich machte.
Sein Bibliothekar wurde der durch Europa reisende Staatsrechtler,
Politikhistoriker und Geograph Konrad Samuel Schurzfleisch. Doch was so
verheißungsvoll begann, erfuhr immer wieder jähe Wendungen, die sich in
Vernachlässigung des Buchbestandes, in Stornierungen der Etats zum Ankauf
von Büchern, in Streichungen von Bibliothekarsstellen zeigten. Erst mit der
Regentschaft von Anna Amalia, die aus ihrer Wolfenbütteler Heimat
wohlsortierte Bibliotheken kannte und zu schätzen wusste, stabilisierte sich
die Lage. Die Zeit war günstig dafür, denn Buchwissen schien förmlich zu
explodieren. Die inzwischen in drei Räumen des Schlosses untergekommene
Bibliothek "sollte allen Einwohnern der Residenz zugute kommen und jedem an
seinen Platz in seinem Tun zu besseren Leistungen und größeren Erkenntnissen
führen", lesen wir. Dazu war ein eigenes Gebäude immer dringender. Gefunden
wurde es in Sichtweite des Schlosses, in dem damals leer stehenden
sogenannten Grünen Schloss. Nach Plänen der Architekten Schmid und
Straßburger erhielt es im Inneren die an eine Hallenkirche erinnernde Form.
Kaum ein Jahrzehnt nach dem Einzug der Bibliothek in das zum Magazin mit
Schausaal umgebaute Gebäude brannte das Residenzschloss fast völlig nieder -
die Bücher waren davongekommen. Rund 250 Jahre später war den Büchern solch
ein Glück nicht beschieden. Die Räumung der Bibliothek mit dem wunderbaren
Rokokosaal für die geplante Sanierung stand kurz bevor, da fackelte es aus
dem Dach lichterloh. Dem größten Bibliotheksbrand in der deutschen
Nachkriegsgeschichte fielen dabei rund 50 000 Bände zum Opfer.
Mit Blick auf die deutsche Bibliothekslandschaft kann Autorin Seemann dem
Brand sogar etwas Positives abgewinnen: "Die Schatzkammern des Geistes sind
vielleicht erstmalig in ihrer Fragilität und Schutzbedürftigkeit ins
Bewusstsein vieler Menschen getreten."
Buchpräsentation heute um 20 Uhr in der Buchhandlung Thalia in Weimar.
Annette Seemann: Die Geschichte der Anna-Amalia-Bibliothek", Insel; 12,80
Euro..
19.09.2007 Von Heinz STADE
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