[MSN] Abschied vom intellektuellen Kolonialismus. Nicht-westliche Kulturen: Was Berlin aus der Debatte ueber das Musee du Quai Branly in Paris lernen kann
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Wed Apr 2 06:11:28 CEST 2008
Abschied vom intellektuellen Kolonialismus
Nicht-westliche Kulturen: Was Berlin aus der Debatte über das Musée du Quai
Branly in Paris lernen kann
"Wie groß auch immer der Charme ist, den ein Museum wie das Ethnologische
Museum in Berlin-Dahlem ausstrahlt, es spielt bei der Suche nach einer
modernen kulturellen Identität für die deutsche Hauptstadt keine Rolle."
Stéphane Martin, Direktor des Musée du Quai Branly in Paris, mag von der
Reorganisation der Berliner Museen nichts gewusst haben, als er vor kurzem
dieses Urteil fällte. Er wollte damit auch weniger eine Berliner Institution
kritisieren als seine eigene Überzeugung bekräftigen, dass Museen heutzutage
in erster Linie weder eine ästhetische noch eine wissenschaftliche Funktion
erfüllen, sondern politischen und gesellschaftlichen Zwecksetzungen folgen
müssen.
Das von Martin geleitete Museum am Quai Branly ist ein neues Museum der
nicht-westlichen Kulturen, das im Sommer 2006 eröffnet wurde. Die
Gründungsidee war umstritten - und noch umstrittener ist der Bau, den der
Architekt Jean Nouvel am linken Seine-Ufer errichtet hat. Auch wenn "Branly"
in Paris inzwischen zu einem Publikumsmagneten geworden ist: Die Kritik an
der Museumsidee und am Museumsbau ist dadurch nicht schwächer geworden. Im
Gegenteil: In zwei umfangreichen Heften der Zeitschrift "Le Débat" haben
französische und amerikanische Museumsfachleute diese Kritik jetzt erneuert
und verschärft.
Mit der Einweihung des Musée du Quai Branly im Juni 2006 kam eine Neuordnung
der Pariser Museen an ihr vorläufiges Ende, die vor dreißig Jahren mit der
Errichtung des Centre Pompidou begann. Am Quai Branly haben Objekte eine
Heimstatt gefunden, die sich vorher in zwei anderen Pariser Museen befanden:
dem Musée de l'Homme und dem Musée National des Arts d'Afrique et d'Océanie
(MNAAO). Auch Kritiker erkennen an, dass sich damit nicht nur ein
Ortswechsel vollzog. Es handelte sich vielmehr um einen neuartigen Versuch,
nicht-westliche Kulturen in der Mitte einer europäischen Metropole zu
präsentieren.
Dass das neue Museum auf "Befehl" Jacques Chiracs entstand, stört keinen
Franzosen. Das Musée Branly gehört - wie das Centre Pompidou und die
Bibliothek François Mitterand - zu den präsidialen Projekten, in denen sich
der zutiefst monarchische Charakter der Französischen Republik zeigt. Nach
dem Tod Jacques Chiracs wird es wohl nach ihm benannt werden.
Auf Kritik aber stößt bis heute, dass am Quai Branly nicht nur ein
Präsident, sondern auch ein Sammler und Kunsthändler "sein" Museum planen
konnte: Jacques Kerchache. Er war es, der seinen Freund Chirac für die Idee
begeisterte, in Paris ein "Musée des arts premiers", ein Museum der ersten
oder der frühen Künste zu errichten. Kerchache, der 2001 starb, hatte als
junger Mann noch André Breton, den Cheftheoretiker der Surrealisten, kennen
gelernt. Breton stellte die Objekte "primitiver Kulturen" mit den
Meisterwerken der abendländischen Kunst auf eine Stufe. Eine Provokation:
Der Respekt vor der fremden verband sich mit der Respektlosigkeit gegenüber
der eigenen Kultur.
Unter Anleitung von Kerchache entstand, als Vorlsäufer des Musée Branly, im
"Pavillon des Sessions" des Louvre eine neue Abteilung, die 120 Objekte aus
allen Weltkulturen umfasste. Die Skulpturen der Dogon-Völker aus dem
afrikanischen Mali und Quetzalcoatl, die große Klapperschlage mit den Federn
Quetzals, des heiligen Vogels der Azteken, fanden sich auf einmal unter
einem Dach mit der Nike von Samothrake und der Venus von Milo. Schon 1909
hatte der Dichter Guillaume Apollinaire gefordert: "Die Primitiven in den
Louvre!" Doch erst jetzt war die "Zeit der Anerkennung" gekommen, wie die
stets zu Pathos-Formeln fähigen Franzosen formulierten.
Zunächst im Louvre und dann am Quai Branly verband sich die Ästhetisierung
fremdkultureller Objekte mit dem Versuch zu einer normativen Korrektur des
eurozentrischen Blicks, der die europäische Museumskultur über Jahrhunderte
hinweg geprägt hatte. Die Spannung zwischen Ästhetik und Ethik ist aber
nicht nur für die Diskussion um das Musée Branly charakteristisch. Sie ist
exemplarisch für die gegenwärtige Lage der ethnologischen Museen.
Wenn die "primitiven" Kulturen verschwinden und es zunehmend schwieriger
wird, ihre Lebens- und Überlebensformen zu verstehen, lösen sich ihre
charakteristischen Objekte allmählich aus dem Ursprungskontext. Ihre Chance,
für die Nachwelt bewahrt zu bleiben, wächst, wenn ihnen der Status von
Kunstwerken zuerkannt wird. Die Bewunderung und Anerkennung ihrer Schönheit
ersetzen dann die Rekonstruktion ihres Entstehens- und
Wirkungszusammenhangs. Daher ist am Quai Branly oft nicht von "Objekten",
sondern von "Werken" die Rede. Die Kunst verdrängt das Kuriosum. Der
Besucher staunt weniger und bewundert mehr. Die Grundstimmung bei einem
Besuch des Museums am Quai Branly lässt sich in zwei Worten zusammenfassen:
Würde und Respekt. Stéphane Martin, der es liebt, die "Priester der
Kontextualisierung" zu provozieren, hat aus seinem ethnologischen Museum die
Exotik möglichst fernhalten wollen.
Gegenüber dem Staunen und der Bewunderung treten am Quai Branly das
Verstehenwollen und damit auch das Verstehen in den Hintergrund. Dafür ist
nicht zuletzt die Architektur von Jean Nouvel verantwortlich, die dem
Prinzip der Re-Exotisierung folgt. Ein fremdartiger Ort sollte entstehen,
"poetisch und verstörend ... gekennzeichnet durch die Symbole des Urwaldes,
des Flusses und der Beschäftigung mit dem Tod und dem Vergessen". Nouvel
umgab das Gebäude mit einem Garten, der als "heiliger Hain" wirken und in
dem das Museum sich verlieren sollte wie ein Tempel im Urwald. Auf einer
langen und gewundenen Rampe, die als "Fluss" bezeichnet wird, gelangt der
Besucher wie nach einem langwierigen Initiationsritus auf die eigentliche
Ausstellungsplattform, in der die einzelnen "Werke" aus geheimnisvollem
Dunkel aufscheinen.
Besucher fühlten sich an Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis"
erinnert, die Beschwörung eines dunklen, für den Europäer auf immer
undurchdringlichen Afrika. Afrika, so die exemplarische Kritik, erscheine im
Musée Branly als ein Kontinent zeitloser Vergangenheit, ohne individuell
Handelnde, ohne Innovation und abweisend gegenüber jeder Modernität. Um zu
zeigen, dass es sich dabei nicht um die private Sicht eines Museumskurators,
sondern um die Widerspiegelung der offiziellen französischen Politik
handelte, zitierten Kritiker eine Rede, die Nicolas Sarkozy im September
2007 an der Universität Dakar gehalten hatte: "Der afrikanische Bauer",
belehrte der französische Präsident seine afrikanischen Zuhörer, "kennt
nichts anderes als die ewige Wiederkehr der gleichen Gesten und Parolen. In
dieser Vorstellungswelt, in der alles immer wieder von vorne beginnt, gibt
es weder einen Platz für das menschliche Abenteuer noch für die Idee des
Fortschritts."
Alle ethnologischen Museen der Gegenwart sind mit der Frage konfrontiert,
wie weit sie sich zu Kunstmuseen fremder Kulturen wandeln wollen. Je nach
Sitzland stellen sich darüber hinaus Fragen nach dem Umgang mit der
einheimischen "Urbevölkerung" und nach der Auseinandersetzung mit der
eigenen kolonialen Vergangenheit. In Ländern wie Australien, Neuseeland,
Kanada und den USA ist es nicht mehr möglich, ethnologische Museen zu
errichten, ohne an deren Konzeption, Bau und Leitung Mitglieder der
"Aborigines" zu beteiligen. Als Musterbeispiel politischer Korrektheit gilt
dabei das National Museum of the American Indian in Washington.
Ein ethnologisches Museum in Frankreich muss weniger auf die Frage nach dem
Umgang mit den "Autochthonen" als auf die Frage nach der kolonialen
Vergangenheit des Landes eine Antwort geben. Hier versagt das Musée Branly -
und es wird deutlich, wie sehr die Strategie der Ästhetisierung auch eine
politische Funktion erfüllt. Dabei hatten Präsident Chirac und Jacques
Kerchache sich 1992 demonstrativ geweigert, Frankreich an den
Feierlichkeiten zum 600. Jahrestag der Entdeckung Amerikas zu beteiligen.
Statt Kolumbus zu feiern, widmeten sie vielmehr eine Ausstellung der
ursprünglich auf der Karibikinsel San Salvador beheimateten
Taino-Bevölkerung, "die Kolumbus empfing, bevor sie ausgerottet wurde".
Die Sensibilität gegenüber dem Kolonialismus der anderen verband sich dabei
mit einer gewissen Unempfindlichkeit gegenüber der kolonialen Vergangenheit
des eigenen Landes. Zum einen sind die Kolonialsammlungen der
Ursprungsmuseen, die den euphemistischen Namen "Collection historique"
tragen, am Quai Branly gar nicht zu sehen. Sie wurden ins Depot verbannt.
Auf der anderen Seite wird die Kolonialgeschichte, wenn sie überhaupt
thematisiert wird, verkleinert und geschönt. Der Besucher lernt, dass sich
hinter jedem Objekt ein Abenteuer verbirgt - über die Geschichten von Raub
und Diebstahl wird er selten und oft unvollständig informiert. Mit den
technisch avanciertesten Methoden werden am linken Ufer der Seine die
sogenannten "Naturvölker" in die Unschuld ihrer Frühzeit zurückgebeamt - als
ob die Zeit des Kolonialismus auf magische Weise aus der Geschichte getilgt
werden kann.
Aus der Pariser Debatte lassen sich Schlussfolgerungen für die Verlagerung
der ethnologischen Museen von Berlin-Dahlem in die Mitte der deutschen
Hauptstadt ziehen. Dort soll mit dem Humboldt-Forum hinter den
rekonstruierten Fassaden des Stadtschlosses ebenfalls ein Museum der
nicht-europäischen Kulturen entstehen - als Pendant zur Museumsinsel. Der
Kolonialismus muss dabei ein Thema sein - Berlin war schließlich 1884/85 Ort
der von Bismarck einberufenen Afrika-Konferenz. Die sogenannte Kongo-Akte,
die am Schluss der Konferenz verabschiedet wurde, regelte die koloniale
Aufteilung Afrikas in verschiedene europäische Einfluss-Sphären. Die Frage
nach dem Umgang mit der eigenen "Urbevölkerung" dagegen stellt sich in einem
deutschen ethnologischen Museum nicht.
Bleibt die Kernfrage: Soll im geplanten Humboldt-Forum ein ethnologisches
Kunstmuseum entstehen? Sollen auch dort "Objekte" zu "Werken" werden? Es
käme in Berlin auf den Versuch an, an die Stelle eines Entweder-Oder ein
Sowohl-als-auch zu setzen. In Berlin könnte durch entsprechende
Inszenierungen ein Museum des doppelten oder mehrfachen Blicks entstehen,
das dem Besucher deutlich macht, wie sehr der Charakter dessen, was er
sieht, vom Arrangement des Kurators und von seiner eigenen Wahrnehmung
bestimmt wird.
Und schließlich sollte in Berlin ein neugeordneter Komplex ethnologischer
Museen entstehen, in dessen Konzeption und Leitung die Wissenschaft eine
größere Rolle spielt als dies in Paris der Fall war. Es geht dabei weniger
um die in Deutschland traditionell schwache Ethnologie als um die
sogenannten Regionalwissenschaften - beispielsweise die Afrikanistik, die
Japanologie und die Iranistik -, an denen Berlin reich ist. Ein
Forschungsverbund Regionalwissenschaften könnte den ethnologischen Museen
eine neue und originelle Perspektive geben. Das Stichwort dafür hieße:
"Beziehungsgeschichte".
Die Kolonialherrschaft der Europäer ist seit langem zu Ende. Überlebt hat
sie ein intellektueller Kolonialismus, der immer noch einzig von Europa aus
den Blick auf die nicht-westlichen Kulturen richtet. Unterschlagen werden
dabei die vielfältigen Kontakte nicht-westlicher Kulturen untereinander.
Eine ethnologische Beziehungsgeschichte stellte diese Kontakte in den
Mittelpunkt. Kein Ort wäre dafür geeigneter als ein Humboldt-Forum in der
Mitte Berlins. Es wäre die längst fällige Kündigung der Kongo-Akte, der
Abschied vom intellektuellen Kolonialismus.
Das Musée du Quai Branly ist ein riskantes Museum. Der Mut zum Risiko
belässt ihm bei aller Kritik seinen Rang. Auch in Berlin müssen die
ethnologischen Museen an ihrem neuen Standort etwas riskieren. Ein Museum
des doppelten Blicks, ein Museum, in dessen Mittelpunkt die Beziehung der
nicht-westlichen Kulturen untereinander steht: Auch ein französischer
Fachmann würde dann vielleicht zugeben, dass dieses Museum einen wichtigen
Beitrag auf der Suche nach einer neuen kulturellen Identität für Berlin
leistet.
WELT-Autor Wolf Lepenies war lange Jahre Rektor des Wissenschaftskollegs zu
Berlin. 2006erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
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